Berlinale – Kräuter, Suppe, Nazis und Husten

Die Prinzessinnengärten auf der Berlinale, im Forum nämlich, unten in der arsenal-Blechbüchse, das ist doch mal eine gelungene Kombination! Die selbstgebastelten Hocker aus Fahrradschläuchen sind immer vollbesetzt, nächstes Jahr brauchen wir da noch ein paar Bänke, ein paar Weinkisten oder alte Dielenbretter werden sich dafür doch noch auftreiben lassen!  Die Kräuter, die dazwischen wachsen, verbreiten einen angenehme Anblick und Duft, ich mag gar nicht daran denken, wie das bloß werden wird, wenn die grünen Kübel, die Kisten und Fahrradschläuche wieder an den Moritzplatz umziehen und das arme arsenal sich selbst überlassen bleibt! … Da kann man auch einen Teller Suppe aus einem riesigen Topf für 3,5 € essen, das ist äußerst human und passt zudem ganzen Konzept gut dazu. Die Suppe, die es gestern gab, war so ziemlich genau so, wie die, die der Schmied Jules, von dem ich ja schon berichtet habe, gekocht hatte, eigentümlich oder? Wie konnte die eine Suppe von der anderen Suppe wissen? … Die Retro, wer wollte da nicht hin? Für „Confessions of a Nazi Spy“ war Ticket-technisch die Hölle los. Der Film ist von 1939!! Das ist kaum zu glauben, so früh ist das, und zudem geht es so zackig und wortreich zur Sache, (Nazis in Amerika die zum Gestehen gebracht werden müssen, sonst hätte der ganze Film keinen Zweck), da wird so dermaßen schnell gesprochen, verdächtigt, aufgedeckt, geschurkt, und irgendwann sind die Nazis dann doch alle vor Gericht im freien und demokratischen Amerika, allerdings Dank Edward G. Robinson… Es wird allerdings gehustet in den Kinos, das ist nicht zu überhören, und die, die nicht husten, simsen (oder texten, klingt weltläufiger!), die Technik, dass unter dem Mantel zu machen beherrschen leider noch nicht alle, aber vielleicht lernen sie es noch…

Berlinale – jeder filmt, der Schmied schmiedet

Es wird unfassbar viel gefilmt auf, neben, in der Berlinale. Ständig stolpert man in ein Stativ oder in posierende  Chilenen oder Japaner hinein. Was da für eine Menge an Filmen entstehen! Wenn die jemand angucken müsste, wie lange würde der wohl brauchen? Zum Glück stellt sich die Frage für uns nicht, vielleicht aber für die Berlinale-Auswahlgremien. Werde da mal zu gegebener Zeit nachfragen und euch auf dem Laufenden halten. Frau Jensen war natürlich wieder im Kino, im Forum, allerdings nach quälend langer Wartezeit in brav aufgereihter Warteschlange: „Wir müssen noch auf die mit Ticket warten…“ Hey, warum eigentlich, wenn  der Film eigentlich schon lange angefangen hat und die armen Akkreditierten, die ja gar kein Ticket holen können, weil sie akkreditiert sind, auch noch reinwollen?“ Das war höchst dramatisch und wäre auch fast schief gegangen, aber dann, nach soviel Dramatik: Le Cousin Jules. Ein alter Schmied irgendwo in Frankreichs Provinz, Enden der 60ger Jahre, Pferd und Wagen, Wasser wird aus dem eigenen Brunnen hochgemühlt, das tatsächlich vorhandene elektrische Licht erstaunt… Wir sind bei ihm, bei seinen täglichen Verrichtungen, er schmiedet, er kocht sich was, er füttert seine Hühner, er macht sein Bett, er trinkt einen Kaffee. Im ersten Teil des Films ist noch seine Frau dabei, dann nicht mehr, sie ist inzwischen gestorben, das erfahren wir später aus den Schlusstiteln, haben es uns aber schon gedacht. Das war ein wundervoller Film, einfach zu gucken, wie es ist, wenn es ist. Scheint ein Thema in diesem Jahr zu sein. Man könnte auch sagen „Fuck the Plotpoints“, aber warum eigentlich? Wir können ja den Plotpoints einfach dabei zuschauen, wie sie sind, wenn sie sind. Mal sehen, ob sie das aushalten! Aber vielleicht sind sie auch so zäh wie Unkraut, das würde ich jetzt mal wetten….

Berlinale – Filme

Der Montag der Berlinale ist immer der Tag, wo eine andere Art von Festivalleben einkehrt, jedenfalls bei Frau Jensen. Sie zieht bequeme Schuhe, oder vielmehr Stiefel an, es ist ja eiskalt draußen, verzichtet auf Wimperntusche und stürzt sich ins verheißungsvolle Dunkel, gleich nach Frühstück und täglichen Aufschlagen bei den total netten Ticket Office Leuten.Das Programm so durchzuarbeiten, dass sie wirklich weiß, wo sie hinwill, und wie die Filme noch mal hießen, in sie rein wollte, das schafft sie trotz beharrlicher Bemühungen eigentlich nie. Deshalb greift sie zu einem genauso gut funktionierenden Auswahlsystem, nämlich, das nach Zeit und Ort. Wo bin ich grade und welcher Film fängt jetzt als Nächster an. Heute war’s Die Plage aus Spanien, in diesem Superkino Cinestar 8. Das ist wirklich der Hammer und ein unglaubliches Festival-Gefühl da drin! In dem Film guckt man fünf Leuten beim Leben zu. Sie habe es alle nicht leicht, aber das ist eben so, das Leben ist ja auch kein Ponyhof. Man sieht keine Sex-Szenen, keine schrecklichen Gewalttaten, es stirbt auch keine oder keiner an einer Heroin-Überdosis, also wirklich etwas Außergewöhnliches. Es gibt keine wirklich dramaturgische Handlung, eigentlich folgt man diesen Menschen bei ihren täglichen Verrichtungen. Eigentlich müsste er Keine Plage heißen. Der Film hat in seiner Unaufgeregtheit und in seinem Einfach-Zugucken gut gefallen. Das ist doch ein fantastischer Wochenbeginn!

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Berlinale – im Hyatt, am Kamin, mit Kakao und Tasche

Das Hyatt am ersten Samstag der Berlinale, das ist wirklich die große weite Welt, wirklich der melting pot, dort ein sündhaft teures Getränk einzunehmen einfach eine Wucht. Der Kakao wird do-it-yourself serviert, man mischt sich aus Schoko-Drops in dunkel, milch und weiß die Geschichte selbst, klar, dass das seinen Preis hat, ist ja auch viel heran zu schleppen. Es quirlt, es pulsiert, es schwirrt… Und man ist so frei! Man kann es sich total aussuchen, Teil des wilden Gehummels oder auf dem Beobachtungsposten zu sein. Ich liebe es, da zu sitzen und die Variety durchzublättern und Screen, zu lesen, dass The Necessary Death of Charlie Countryman total unnecessary ist, oha, solche Titel schlagen ja mitunter zurück, oder – aha! dass, um das Filmprojekt zu finanzieren, ein 20 minütiger Teaser für auch schon 5 Mio. $.  fix und fertig vorproduziert wird, um dann die eigentliche Finanzierung zu finden.  Es sind auch ein paar Bilder über den Dicke-Kinder-Abnehm-Camp-Film drin. Da scheint die Tasche in diesem Jahr gut dazu zu passen, die ja wie in alten Zeiten ein Jutebeutel ist, aber irgendwie oversized, um da Labtops quer oder 30 Wurstsemmeln reinzustopfen und die ganzen Zeitungen und Schal, Mütze, Handschuhe noch dazu? Keine Ahnung, auch die Schrift da drauf FILM LOVES BEAUTY ist so dick und breit und wuchtig, dieser rote Kussmund da drunter richtig furchteinflößend! L’Oreal, das würde ich noch mal zurück auf die Beautyfarm schicken! Leider ist dadurch ein bedeutender Absatzmarkt für die Berlinale-Taschen verloren gegangen, nämlich der Einsatz als Schultasche bei vielen, vielen Teenagern nicht nur in Berlin und München, nein weltweit! Ihr Armen, dieses Jahr ist das leider nix, auch das Schlüsselband ist Straßenköter-grau, aber es kommen auch wieder andere Berlinalen! Für die armen Mitarbeiter im Pick Up Office, im Abholzimmer für das Taschen-Katalog Paket, ist das allerdings ein leichter Fortschritt, die Luft dort drinnen riecht nur noch nach der schwarzen und weißen Farbe auf dem Jutebeutel. Bei den Plastiktaschen der vergangenen Jahre war der kleine Raum schon stark vollgemöffgert, die beiden, die dort ihren Ausgebe-Dienst versahen, ganz grün im Gesicht!  Was dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall!

Berlinale – Männer, Worte, Wahrheiten

Sprechen wir weiter von Männern, der Freitagsmann der Berlinale war – Bernd Neumann. B.N. war da, nicht nur mit ein paar staatsmännischen Worten am Donnerstag zur Eröffnung, sondern auch gleich am nächsten Tag bei der Deutschen Filmakademie und ihrem mit köstlichen Kuchen bestückten Lola-Empfang, um sich für den deutschen Film ins Zeug zu werfen, um sich wie ein zischender Schwan mit den Flügeln schlagend vor die Deutsche Filmakademie zu stellen, und den Zweiflern und Nörglern die Schranken zu weisen!  Wenn man Demokratie wolle, könne man sich hinterher nicht darüber beklagen, dass das, was hinten raus kommt, dann auch wieder nicht das Richtige ist. Punktum und Schluss. Der Mann strahlt das aus, was der Branche manchmal fehlt, Verlässlichkeit, ich tue, was ich sage und ich sage, was ich tue und kann mich auch morgen noch daran erinnern.  Man mag die Jacketts des B.N. ein bisschen aus der Mode gekommen finden, das ist bei einer Vaterfigur aber auch gar nicht schlimm, Väter müssen nicht aussehen wie Boss -Models, auf ihn ist Verlass, er steht für beste deutsche Wertarbeit.Eines muss ja auch mal gesagt werden: Jedes Jahr wieder, geht es in den Zeitungen los, was DIE Deutsche Filmakademie (das ist bei DER Europäischen Filmakademie aber genau das Gleiche!), mit dieser oder jener Entscheidung bezweckt, welche Kräfte da im Geheimen zu dieser oder jener Entscheidung geführt haben und vor allem welches Statement man aus den Entscheidungen herauslesen könne! DAS IST GANZ EINFACH UNSINN! Dazu sind viel zu viele völlig unterschiedliche Menschen Mitglieder, die sich untereinander gar nicht kennen, gar nicht kennen können, die abstimmen oder auch nicht, weil sie es gar nicht schaffen, diese ganzen Filme in der Kiste zu gucken, weil sie Geld verdienen und ihre Kinder erziehen müssen, die gemeinsam auf der Mitgliederliste stehen, in alphabetischer Reihenfolge, was auch nichts weiter heisst. Ja, diese Menschen arbeiten alle irgendwo in dem langen und wirklich facettenreichen Entstehungsprozess von Filmen mit, manche mehr, manche weniger, und sie haben alle vollkommen unterschiedliche Ansichten und jeder hat seinen eigenen Geschmack. SIE WISSEN SELBST NICHT WAS DABEI HERAUSKOMMT, das ist die einfache Wahrheit.

Berlinale – Rosen und Tony Leung

In dem unverzichtbaren Berlinale-Journal stößt man nach einigem Blättern auf eine Anzeige: 100 Jahre Rosenträume an der Neiße. Ist das nicht schön? Der Ostdeutsche Rosengarten empfiehlt sich den Filmemachern aus aller Welt – und das zu Recht! Was für eine beflügelnde, sehnsuchtsvolle Vorstellung: Zwei Menschen, die nichts von einander wussten, ja, nicht einmal ahnten, dass sie für einander bestimmt sind, trösten sich in ihrer jeweiligen Einsamkeit damit, im Ostdeutschen Rosengarten zu lustwandeln! Sie sind allein, sie suchen Erleichterung und Trost im Rosengarten, inmitten von Duft und Hunderten von Rosenblüten, um dann, wie im Traum, eine verwandte Seele zu schauen – und zu wissen, das Warten, die Einsamkeit ist zu Ende, die Erfüllung aller Träume zum Greifen nah….Das führt uns geradewegs zum gestrigen Eröffnungsabend, der ganz im Zeichen eines geheimnisvollen Mannes aus dem Osten stand, nein, es ist nicht Wong Kar Wai mit der Sonnenbrille, es ist … Tony Leung (oder Lääng) (oder Luung) wie auch immer. Diese Melancholie, diese Personifizierung von love and squalor, das ist mehr als sexy, das ist die Verheißung von Glück und Schmerz zugleich! Er war, was sage ich, er ist da, hier in Berlin, LEIBHAFTIG!, Das ist ja nicht so ganz unwichtig… Er ist da, ein winziges trauriges Lächeln umspielt die feinen Züge, und, ja, ich gestehe, ich glühe ihm aus dem Dunkel des schwül schwarzroten Zuschauerraums entgegen… Er muss es merken, wie ich, nein, wie wir, ich weiß ich empfinde nicht allein, wie wir alle, die wir diese unmissverständlichen Signale in uns hineinlassen, wie der Tautropfen in eine frisch erblühte Damaszener-Rose dringt. Er ist da, er betritt die Bühne und wendet sich den Zuschauern zu, nein, er schaut … er weiß um uns,  sieht in der Dunkelheit die lodernden Herzen in unseren Augen, die nichts mehr begehren als dich, Tony, so ist es, wir können es nicht ändern, unser bisheriges Leben zählt nichts mehr, jetzt bricht eine neue Zeit an! Gefahr und Begierde!…Du,Tony, weißt, was zu tun ist, auf dem Weg zur Fahrbereitschaft, zögerst du, wendest dich um, schreitest uns, die wir auf dich gewartet haben, entgegen, und, deine Miene ist Trauer und Schmerz, du kannst uns nicht alle nehmen, obwohl wir uns inzwischen damit abgefunden haben, dass das Individuum nichts mehr zählt, wir ein liebendes Kollektiv geworden sind, du zögerst abermals, es bebt und lodert, da, ich hauche dir entgegen: „Der Rosengarten!“ Du wendest dich mir, nur mir! zu! Der Schmerz, die Trauer in deinem Blick verblassen und deine Lippen formen die Worte: „I am that Eternal Rose!“ Was soll ich noch sagen, außer: „I am in the Mood for Love!“ Soviel zum ersten Tag der Berlinale. Mal sehen, was noch so kommt….

Berlinale – Vorfreude

Vorfreude, du wunderbar prickelndes, belebendes Gefühl! Jetzt bist du da, du Vorfreude auf den Berlinale-Jingle! Hoffentlich hat Dieter Kosslick dich am Leben gelassen, du bist das Beste überhaupt, richtig süchtig machend! Wirken tust du allerdings nur so richtig in Berlins zweitschönster Jahreszeit statt-Fasching-haben-wir-Berlinale. Du versprichst gute anderthalb Kinostunden oder mehr, ja manchmal viel mehr, aber auch egal, nein, ok, du findest, da bist du überfordert, auch ok, aber du versuchst dein Bestes, es ist nicht deine Schuld, wenn’s anders kommt. Ja manchmal kann es schon passieren, dass der Film danach langweilig, albern, blutströmend oder alles drei ist (ja, das muss man einräumen, ist schon mal vorgekommen…). Dann entfaltest du deine Wirkung unbeirrt und trotzdem – und da ist es, das drin-in-der-crowd Gefühl, das wir-lieben-Film Gefühl! Wir lieben Filme, die wir sonst nie zu sehen bekommen hätten, wir lieben es, teil dieser Meute mit vollgestopften Taschen und Ringen unten der Augen zu sein, die manchmal ein bisschen müffeln, weil es drinnen warm und draußen bitterkalt ist und weil der Parka auch als Schlafdecke herhalten muss und man nicht so recht zum Umziehen kommt. Bitte, Jingle, sei da, lass’ die Sterne funkeln, lull’ mich ein in das Besonders-, in das Auserwählt-Sein, aber bitte, lieber Jingle, versprich mir eins, mach’ Platz für einen tollen, nie geschauten, großartigen Film, so dass ich vergesse, dass es dich gibt, und du mir erst wieder einfällst, wenn es wieder losgeht, in einem anderen Kino in einer neuen hungrigen Menge, hungrig auf euch, ihr 500 Filme, deren Namen ich nicht mal aussprechen kann, wo ich keinen kenne, nein, nicht den Regisseur, nicht die Schauspieler, einfach gar keinen, nein ich spreche kein aserbaidschanisch oder mongolisch, aber das ist ja gerade das Ding, es gibt so verdammt viele Länder, in denen nicht nur geliebt, gelebt und gelitten wird, sondern wo Leute auch eine Kamera halten können und eine Tonangel dazu! Vergisst man manchmal über’s Jahr… auf geht’s Jingle – jingle mich rein!